Vom „Zweimannhaushalt“ zu „Achtmannuntereinemdach“ !

Hallo Welt!
Jetzt begrüße ich euch alle zum allerersten Mal, und das obwohl ich, Emily (17), schon so lange in meinem neuen Zuhause in dem Bundesstaat Utah wohne! Ja richtig gehört, Utah! Ich wette mit euch, mindestens 90% fragen sich jetzt: „Wo liegt das denn bitte?“ Tja, ich sage euch, da habt ihr aber was verpasst. Utah ist nämlich wunderschön 🙂 Und falls ihr euch dazu auch noch fragt, warum ich so ewig lange nichts geschrieben habe: Versucht mal kreativ zu werden wenn ständig jemand um euch herum ist (was ziemlich typisch für vier Geschwister + Großfamilie + Kirchenverband) ! Aber nun, nach einem Monat voller Freude, Neuheiten und unendlich viel Spaß ist es endlich soweit! Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme, hier erstmal ein kurzer Überblick von mir und meiner geliebten Familie:

ICH
– Emily, noch angenehme 17 Jahre alt, DFH Stipendiatin 2016/17
– liebt alles was kreativ ist
– ich gebe alles um einmal Tierärztin zu werden
überglücklich in ihrer neuen Heimat für das nächste Jahr angekommen!!!

HOSTMOM
– liebste Frau der Welt, tut alles um ihre Kinder immer zu unterstützen
– genauso verrückt wie ich, aber sie hat die Stimme eines Engels
– hat darum gekämpft mich bei sich haben zu dürfen
– liebt mich wie ihre eigene Tochter vom ersten Tag an

HOSTDAD
– gemäßigter, liebevoller Vater (der perfekte Ausgleich für uns alle)
– Autor, der hundertpro bald groß rauskommt!

GASTBRUDER (16)
– Best Friend No. 1 , Wrestler, Fussballer, Klassenkamerad, Bruder und immer da um Quatscht zu machen

GASTBRUDER (15)
– Best Friend No. 2, Footballspieler, Wrestler, Bruder und der perfekte Ansprechpartner in der Kirche!

GASTSCHWESTER (12)
– wohl das mädchenhafteste Mädchen, das man sich nur vorstellen kann
– liebevoll, niedlich und herzerweichend, aber auch nervig – eben genau die perfekte Schwester 🙂

GASTBRUDER (10)
– der kreativste Mensch der Familie, kann einfach aus allem etwas basteln
– hält wirklich immer alle aus Trapp 🙂

Nunja, ich könnte nun noch immer weiter und weiter machen. Da gibt es nämlich noch mehrere Großeltern, Tanten und Onkels + Ehepartner + Kinder. Und denen stehe ich bereits ebenso nahe, wie den oben bereits genannten. Falls ihr jetzt nicht aus dem Sinn bekommen könnt, wie man sich in so kurzer Zeit so wohlfühlen kann, dann kann ich euch sagen, dass es definitiv an der tollen Gemeinschaft und den offenen Herzen der Menschen hier liegt! Denn ich lebe in einer sehr religiösen Gegend, die sehr von Mormonen geprägt ist, und das obwohl ich „nicht einmal“ christlich bin.
Nun aber zu dem eigentlichen Thema. Ein weiterer Grund warum ich so lange nicht geschrieben habe ist, weil ich sehr lange an einem Text für euch geschrieben habe, dessen Inhalt mir sehr am Herzen liegt. Ich hoffe er gefällt euch.

Was bedeutet das überhaupt: „Auslandsjahr“?
Nun ja, für die meisten bedeutet ein Auslandsjahr Veränderungen: schnell, schmerzhaft, bunt, atemberaubend, unerwartet, überwältigend. Veränderungen im Lebensstil, Land und Leute, der Sprache, der Familie, der Schule, einfach alles. Es geht vom Denken aus zu wissen wer man ist, keine Ahnung zu haben wer man morgen sein wird und heute jemand ganz Neues zu sein. Weit weg von Zuhause, mit keinem an deiner Seite den du wirklich kennst. Und du findest heraus, dass du es auch so ziemlich gut hinkriegst.
Ein Auslandsjahr bedeutet zu Vertrauen. Den Menschen zu vertrauen, die anfangs nur Namen auf einem Blatt Papier waren. Ihnen zu vertrauen, dass sie das Beste für dich wollen, dass sie für dich sorgen. Vertrauen in dich, dass du die Stärke hast ein Jahr auf dich alleine gestellt zu sein, dass du ein Jahr aushältst weit weg von allem was dir mal wichtig war. Und am Ende zu sehen, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt war.
Ein Auslandsjahr bedeutet Nachdenken. Über alles. Über diese komische Kleidung, das komische Essen, die komische Sprache. Darüber warum man hier ist und nicht Daheim und wie es sein wird wieder nach Hause zu kommen. Wer dich fragen wird, ob ihr etwas zusammen unternehmen wollt. Und zuletzt wo du hingehen sollst, wenn dich 10 verschiedene Menschen zu sich einladen. Nachdenken was richtig und was falsch ist. Darüber wer du sein willst, was du tun willst. Und darüber wann der Spanisch Test ansteht, obwohl die Note überhaupt nicht für dich zählt.
Ein Auslandsjahr bedeutet Menschen. Diese unglaublich seltsamen Menschen, die sich nicht trauen mit dir zu reden. Und die, die tatsächlich mit dir reden. Diejenigen, die deinen Namen kennen, obwohl du sie noch nie getroffen hast und die Witze über dein Heimatland reißen. Aber auch viele, die dich zu sich nach Hause einladen, dich normal behandeln. Die deine Freunde werden
Ein Auslandsjahr ist beklemmend. Es ist das Gefühl manchmal am falschen Platz zu  sein. Und der Versuch zu allem und jedem nett zu sein.
Ein Auslandsjahr ist großartig. Es ist die Erkenntnis, dass die Verbundenheit zwischen dir und deinen Gasteltern wächst. Zu hören, wie die Gastschwester fragt wo ihre Schwester ist. Es ist das Wissen wo der Zucker im Schrank steht.

Es führt zum Treffen von Menschen aus aller Welt, um letztendlich einen Schlafplatz in fast jedem Land zu haben. Einer von ihnen zu sein, von dieser großen Gruppe, die sich deine Organisation nennt.
Ein Auslandsjahr bedeutet Austauschschüler zu sein. Einen großen Schritt in Richtung Selbstfindung zu wagen, Erfahrungen zu sammeln, die man nicht Zuhause in der Schublade findet, auf eigenen Beinen zu stehen und vielleicht auch eine zweite Heimat auf der anderen Hälfte des Globus zu finden.
Ein Auslandsjahr ist nicht wie du es erwartet hast, und genauso wie du es dir gewünscht hast.
Ohne Zweifel ist ein Auslandsjahr soweit das beste Jahr deines Lebens,
und es ist gleichzeitig das schwierigste, ohne Zweifel. Es ist etwas, was Zuhause nie jemand wirklich verstehen wird.
Ein Auslandsjahr bedeutet erwachsen zu werden, zu verstehen, dass jeder gleich ist, ganz egal woher er kommt. Und dass es nur an dir selbst liegt ob dein Tag gut oder schlecht wird, oder das ganze Jahr. Du fängst an zu realisieren, dass du es auch alleine hinbekommst, dass du eine eigenständige Person bist, endlich.
Ein Auslandsjahr ist etwas das du nicht verstehen kannst, wenn du es nicht selbst erlebt hast.
Hin und wieder kommen Ängste auf: Was ist, wenn sich die Gastfamilie als die Addams Family entpuppt? Wie entwickelt man Freundschaften und wird nicht zum Außenseiter? Wodurch kann ich den Kontakt Nachhause am besten halten? Oder am schlimmsten: Wie soll ich bloß den ganzen Schulstoff nachholen?
Doch keine Bange ist dem Mut gewachsen: Vorbereitungstreffen der Organisationen helfen um alle Zweifel aus dem Weg zu schaufeln. Hier beginnt auch schon die Reise, begleitet von hunderten Jugendlichen, die den gleichen Weg gehen, und die auch schon deine ersten Freunde auf dieser Reise werden. Nach ein paar Tagen wird allen womöglich klar, was „Wahr machen“ bedeutet und wie man es benutzt und nicht einfach nur „Wahr gemacht“ daraus formt.
Hunderte von „Returnees“, studierte Vermittler, Auslandscoaches und einheimische Betreuer unterstützten dich bei der Suche nach der perfekten Schule, Umgebung und natürlich Gastfamilie. Hierbei achten wir spezifisch auf Hobbies, Gewohnheiten und auch Einschränkungen wie beispielsweise Allergien.
Gastfamilien können nicht nur wie im klassischen Bild aus Eltern mit Kleinkindern, Jugendlichen in deinem Alter und Hund und Katz‘ bestehen, sondern auch aus jungen Pärchen oder Senioren. Genauso besteht auch die Möglichkeit einem „Doubleplacement“ zuzustimmen. Somit kommt man zusammen mit einem weiteren Austauschschüler aus einem anderen Land in eine Gastfamilie. Letztendlich entscheidet diese ob du zu ihnen passt und organisieren deine Ankunft.

Sie sind von Beginn an auf eine Art verpflichtet dir nicht nur Obdach und dreimal am Tag eine Mahlzeit zu gewähren, sondern auch immer ein offenes Ohr für dich zu haben. Zusammen mit deinem örtlichen Betreuer ist es ihre Aufgabe Probleme zu lösen und im schlimmsten Fall einen Wechsel der Familie zu veranlassen. Etliche Erfahrungsberichte ehemaliger Austauschschüler erzählen von einem positiven Wechsel ihrer Gastfamilie, denn auch das formt das Jahr auf eine besondere Art.
Für die meisten Austauschschüler sind solche Erfahrungsberichte jedoch nur ein Beitrag für die Internetseite ihrer Organisation. Viel wichtiger sind die individuellen Blogs und Youtube Channel mit lustigen Geschichten, ernsten Angelegenheiten, die zu überwältigen waren, und emotionalen Beschreibungen ihres Alltags in einem fremden Land. „Lust auf Neues, Spaß am Abendteuer und undstillbaren Wissensdurst“ :
Genau das sind die Eigenschaften, die ein zukünftiger Austauschschüler mit sich bringen sollte. Immerhin wird jeder für sich selber schnell herausfinden, wie sich kulturelle Unterschiede mit der eigenen Persönlichkeit vermischen.
Auch damit lässt sich die weitgreifende Kraft eines Auslandsjahres beschreiben.
Es ist auch für „Returnees“, eine präsente Beteiligung an der Sache, die sich nach etwas großem anfühlt, weswegen sie sicherlich auch heute noch vor euch stehen und von ihrem besonderen Jahr berichten.
Ein Auslandsjahr verändert einen, oder führt einen vielleicht erst zu dem wer man eigentlich ist. Es ist eine Entscheidung, die man nicht bereuen kann, denn es wird nicht zu einem Jahr in deinem Leben, vielmehr zu einem einzigartigen Leben in einem Jahr.
Noch viel mehr ist es wie eine Fahrt mit der Achterbahn. Zuerst will man unbedingt damit fahren und ist sehr fasziniert von der Vorstellung, dann geht alles blitzschnell: man muss einsteigen und die ersten mulmigen Gefühle kommen auf. Darauf folgen Hochs und Tiefs, die einen richtig mitreißen. Am Ende ist man ein bisschen traurig, dass es schon vorbei ist, ein bisschen stolz, dass man es überlebt hat, erfreut wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und eigentlich würde man am liebsten sitzen bleiben und noch mal fahren.
Wie sollte es auch anders sein, denn wie Kurt Tucholsky einst sagte: “ Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – Sieh sie dir an.“
Und genauso ist es: Die Welt wartet auf euch und darauf erkundet zu werden.